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Bemerkungen/Opmerkingen

29.2.2008

Wachsen im Kreis

Zu Hayato Goto 8/8, Ausstellung in der Galerie DKM in Duisburg von 29.02.2008 bis 22.06.2008
(Foto: Werner J. Hannappel)

Es ist verlockend, in den plastischen Arbeiten von Hayato Goto Spuren einer typisch japanischen Ästhetik zu suchen. Ihre Einfachkeit, Klarheit und Ruhe, sowie eine gleichzeitig offensichtliche und verborgene Symbolik verbinden sich mit dem Namen des Künstlers und dem Wissen über Kyoto als seinen Geburtsort, woraus sich mithilfe von übersetzten klassischen japanischen Texten und zeitgenössischen Deutungen durchaus ein Interpretationsrahmen erstellen ließe. Die Konstruktion eines solchen Rahmens ist heutzutage ein Reflex, der - auch wenn er etwas anderes vorgibt - das Fremde betont; der die Eigenart eines Kunstwerkes in eine weite Ferne verlegt, während die Herausforderung auch darin liegen könnte, diese hier und jetzt zu erfahren. Formen und Ideen sind immer schon gereist (und durchgesetzt haben sie sich nicht wegen ihrer Herkunft, sondern weil sich aus ihnen heraus in ihrem jeweiligen Umfeld Sinnebenen entwickelten).

Die acht plastischen Kreise von Hayato Goto handeln auf den ersten Blick von dem offensichtlichen Gegensatz zwischen geleimtem, maschinell gefertigtem Holz und dem Werkstoff in seiner Urform, als Stamm oder Ast. Dieser Kontrast ist zwar gegeben, aber er wird keineswegs betont: Die Bewegung der Teile ist nicht gegensätzlich, sondern verläuft synchron. Die Äste biegen sich um ein geleimtes Gestell, als hätten sie sich aufgerollt, und in dieser extremen Biegung offenbart sich eine eigentümliche, höchst ästhetisierte Gewalt. Nicht sofort, da der Betrachter einige Zeit braucht, um sich von der glasklaren visuellen Logik der Synchronizität zu lösen: Bäume wachsen nicht im Kreis. Da Holz sich auch nicht endlos biegen lässt, ist in der Form der Äste ein zeitraubender Prozess verborgen, der Natur eine unnatürliche Form aufzuzwingen - die natürlich aussieht. In den gekrümmten und verleimten Holzlatten zeigt Goto offensichtliches handwerkliches Können, aber die Form der Äste gibt Hinweise auf den höchst langwierigen und letztendlich gewalttätigen Prozess.

In den zweiteiligen Kreisen verbergen sich gleitende Übergänge zwischen Natur und Gestaltung. Im Hintergrund steht jeweils ein Baum, aber die Formen haben sich durch menschliches Zutun von diesem Ursprung entfernt, und während die Äste beim ersten Hinsehen natürlich anmuten, sind sie durch die Bearbeitung vielleicht noch weiter von der Natur abgerückt als ihre maschinell gefertigten Brüder. Die scheinbar einfache Bildsprache erweist sich somit als höchst symbolisch, aber sie erwartet eine offene Wahrnehmung, die nicht erkennbare visuelle Muster sucht, sondern aufmerksam die sparsam und präzise eingesetzten Mittel, die verborgenen Dualismen und die gleichzeitige Einheit wirken lässt. Daraus entwickelt sich in einer nächsten Stufe eine symbolische Wahrnehmung um das Element Zeit: Bäume und Äste wachsen in eine Richtung, haben einen Anfang und ein vorläufiges Ende, Kreise dagegen stehen für endlose Schleifen und im übertragenen Sinne auch für Ewigkeit. Der Betrachter, der gesehen hat, dass es jeweils eine zusammenhängende Naturform ist, die gebogen wurde, sucht Anfang und Ende und sieht wie diese Elemente sich kreuzen. Auch was sich in eine Richtung entwickelt, kehrt zu einem Anfang zurück; eine Bildfindung in der sich sehr viel Philosophie verbergen kann.

Die Entdeckung, dass sich in jedem Kreis ein Ast verbirgt, führt zur Frage des Formats. Indem eine lange Form gekrümmt wird, wird ihre Größe beherrschbar. Gleichzeitig bleibt ihre ursprüngliche Höhe in der Wahrnehmung schwer vorstellbar. Gotos kreisförmige Holzarbeiten besitzen daneben weder in der Höhe noch in der Breite ein offensichtliches menschliches Maß. Jede vertikale Form erinnert an Menschen und bei einem anders geformten Objekt im Raum sucht und findet ein Betrachter oft Maße oder Proportionen mit der gleichen anthropologisch verankerten Bedeutung, wodurch er seine räumliche Beziehung zu ihr ausloten kann. Da Goto in seinen Kreisen in dem Bereich zwischen 150 und 250 cm arbeitet, in dem diese Reminiszensen vielfältig und fast unausweichlich sind, ist das völlige Fehlen des Menschen als Referenz hier umso deutlicher. Der scheinbare Widerspuch, zwischen diesem Fehlen und dem sich Schritt für Schritt zeigenden, vom Menschen Gemachten, sowie die verklausulierte Präsenz der Natur charakterisiert dieses Werk im Umfeld der zeitgenössischen Bildhauerei.

Das wenig subtile, alltägliche visuelle Vokabular vieler zeitgenössischer Kunstwerke täuscht allzuleicht Relevanz vor, beinhaltet aber vor allem eine platte Reduktion der symbolischen Ebenen, während die hier vorgeführte beherrschte Konzentration der visuellen Mittel eine inhaltliche Mehrschichtigkeit evoziert, die obwohl sie auf die Erfahrungen, die Herkunft und das Wissen der jeweiligen Betrachter vertraut, alles andere als leer, sondern höchst offen ist. Anstelle einer Suche nach klaren Gegensätzen, Kontrasten und Dissonanzen, ein wesentlicher Teil des visuellen Vokabulars unserer Zeit, steht hier ein Arbeiten mit sichtbaren Parallelen, Dualismen und Dualitäten. Das eigentliche Merkmal von Hayato Gotos Kunst ist somit, dass sie gleichzeitig subtil und höchst lesbar ist, und aus dieser Mischung lässt sich ihre besondere symbolische Wirkung erklären. Sie setzt nicht auf auffällige Kontraste sondern auf ein augenscheinlich logisches und doch keineswegs selbstverständliches Nebeneinander von Elementen, das sich einem Betrachter allmählich erschließt.