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Bemerkungen/Opmerkingen

11.08.2006

Im Garten der gemalten Zeit. Zu Uwe Poths "Hortus"

Zu seiner Ausstellung in der kleinen Orangerie in Berlin-Charlottenburg (11.8.2006-14.9.2006)

Uwe Poth-Installation in der kleinen Orangerie in Berlin-Charlottenburg

An der Längswand der kleinen Orangerie in Charlottenburg präsentiert Uwe Poth seine Bilder in einem symmetrischen Muster. Das Arrangement interpretiert das Werk. Der Titel der Ausstellung, die einzelnen Bilder, der Ort und die Zusammenstellung ergeben einen vielschichtigen, visuellen und gedanklichen Zusammenhang um die Begriffe Garten und Zeit.

Jeder Garten ist geordnet. Das deutsche Wort "Garten" und das lateinische "Hortus" entstammen beide einer indogermanischen Sprachwurzel "Ghordo" für Flechtwerk. Gärten sind die eingefriedeten Grundstücke, wo eine ungestörte Pflege der Natur möglich ist. Der Garten ist somit das Urbild für Kultur ("colere": bebauen, hegen und pflegen). Im Paradox des ursprünglichen Gartens, in dem Natur gepflegt wird, indem sie von der Natur abgekapselt wird, verbirgt sich eine grundsätzliche Widersprüchlichkeit menschlicher Kultur. Es wird aufgenommen, geordnet und selektiert, und während viel "Wildes" ausgeschlossen wird, darf der menschliche Geist im Garten wuchern.

Die Titel der einzelnen Bilder weisen darauf hin, dass sich im "Hortus" die großen Namen aus Geschichte, Kunst, Literatur und Philosophie treffen. Im Zentrum hängt jedoch weder Aristoteles, Hegel, Kant noch Plato, sondern Hieronymus Bosch, der Maler des "Gartens der Lüste", womit Uwe Poth den Hinweis gibt, dass in dieser Versammlung der großen Geister andere Themen auf der Tagesordnung stehen, als beim traditionellen Gelehrtengespräch. Hier werden keine Begriffe diskutiert; in diesem Garten werden in Bilder gefasste Erinnerungen präsentiert.

Die Gemälde, die im "Hortus" präsentiert werden, sind Porträts. Sie basieren auf das bemerkenswert präzise Studium historischer Bildquellen, die im malerischen Prozess der verschiedenen Übermalungen wortwörtlich in den Hintergrund verschwinden. Einzelne Elemente des historischen Porträts tauchen noch an der Bildoberfläche auf, als deutliche Kontur, als Nase, Auge oder als bloßes Farbzitat.

Es scheint als verschwinden Teile der Überlieferung im künstlerischen Prozess unter dichten Schichten von Farbe; als betreffe es eine Übermalung im Sinne der Zerstörung bekannter Bilder. Diese Arbeitsweise gehört zum festen Repertoire der modernen Kunst, aber Poths Ansatz ist intellektueller und poetischer. Das Durchscheinen der alten Motive in seiner Kunst besagt nicht, dass sie zerstört wurden - sondern, dass sie noch da sind! Man mag dies symbolisch deuten als die ungenauen Erinnerungsbilder einer Kultur, aber eine solche "archäologische Betrachtungsweise" neigt zu romantischen Verlustszenarien. Eine andere Interpretation entwickelt sich jedoch, wenn man die Bilder nicht als bloße Übermalungen, sondern als visuelle Verdichtung im einzelnen Gemälde sieht. Das Durchscheinen ist dann nicht Zeichen von Verlust, sondern positive Tatsache. Uwe Poth arbeitet mit der besonderen Qualität von Bildern, Ebenen unterschiedlicher Wertigkeit vereinen zu können. Die sich überlagernden Schichten vermitteln die Vorstellung des künstlerischen Prozesses und damit der Zeit. Indem er nun aber die historische Überlieferung in seine Gemälde mit aufnimmt, dehnt er die imaginäre Zeitspanne seiner Bilder und seiner Ausstellung.